Tamás Kis (Debrecen, Ungarn)

Angaben zur Geschichte der ungarischen Gaunersprache*
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1. Die allerersten schriftlichen Aufzeichnungen von ungarischem Slang sind — wie im Fall des französischen, deutschen, englischen oder tschechischen Slangs — innerhalb jener gesellschaftlicher Bereiche erhalten, wo er sich neben dem “anständigen” (den Normen der Mehrheit entsprechenden) Fachjargon aus den Slangs der Diebe und der Bettler ableitete (und deren gruppenspezifische Merkmale trägt). Zumindest bestätigen die Dokumente, die bisher verfügbar gemacht werden konnten, die Annahme, dass mit einem frühen Auftauchen von Slang bzw. Gaunersprache in schriftlicher Form nur fallweise gerechnet werden kann. Die Gaunersprache ist eine typisch mündliche Erscheinung, sie findet sich sehr selten schriftlich festgelegt, solange es keinen besonderen Grund gibt, der Schriftlichkeit erfordert. Für die ersten Aufzeichnungen der ungarischen Gaunersprache in den frühen Etappen der Schriftlichkeit lieferten einen solchen Grund in erster Linie Rechtsakte und verschiedene Strafprozesse, da es sich während des Verhörs der Verbrecher, die zu großeren Banden gehörten, als nötig erwies, die Worte und die Namen der Bandenmitglieder aufzuzeichnen, die sie unter einander gebrauchten.

Gerichte hielten das Kennenlernen der Sprache der Ganoven für wichtig, nicht nur, um die Kommunikation innerhalb krimineller Kreise zu verstehen, sondern auch, weil die Kriminalorgane die Kenntnis und den Gebrauch der Gaunersprache eindeutig als einen Schuldbeweis auffassten. Die Kenntnis ihrer Sprache war eine der Verfahrensweisen, um Kriminelle zu entlarven und sich gegen sie zu schützen. Sich mit dieser Einstellung mit dem Slang der Diebe auseinanderzusetzen, ist nicht nur im Fall der frühen Slang-Dokumente typisch: In Ungarn war bis vor kurzem zu beobachten, dass Wörterbücher der Gaunersprache als geheimes Werk der Polizei für internen Gebrauch ausgegeben werden, um Verbrecher erfolgreicher zu überführen.[1]

 

2. In erster Linie kann im Fall von Personennamen und speziell bei den Spitznamen damit gerechnet werden, dass Slangmerkmale zum Vorschein kommen, die auch aus sprachgeschichtlicher Sicht als früh zu qualifizieren sind. Personennamen waren nämlich diejenigen sprachlichen Elemente, welche Notare mit offizielleren bzw. normierteren sprachlichen Formen nicht wiedergeben konnten oder wollten.

Dementsprechend ist es nicht überraschend, dass das erste sichere Denkmal der ungarischen Gaunersprache in einem Urteil von 1364 zu finden ist, in dem eine Person, die auch als Pál Filetlen [Paul Ohrenloser] benannt wird, Zagyurwagou (in der heutigen Rechtschreibung Szatyorvágó) heißt.[2] Seinen beiden Spitznamen zufolge lässt sich behaupten, dass Pál Filetlen ein Dieb war, und zwar ein szatyorvágó, (Beutelschneider), das heißt, er stahl durch Aufschlitzen von Taschen, und wie seine “Ohrenlosigkeit” beweist, war er ein Rückfalltäter, der in Form der damals üblichen Verstümmelung auch vorher schon einmal bestraft worden war. Aus der Verwendung des Wortes szatyorvágó als Spitzname ist zu schließen, dass es selbst als Gattungsname des Argots des 14. Jahrhunderts in der Bedeutung ’Beutelschneider’ existierte.

 

3. In Verbindung mit Slangnamen verfügt die Forschung über keine zeitgenössischen Feststellungen dazu, ob das, was sie für Slang hält, auch nach Meinung der damaligen Sprecher Slang war. Solche von den Sprechern selbst bzw. von den Personen, die ihre Sprache aufzeichneten, stammenden Kommentare und Bewertungen traten erst in Bezug auf den eigenartigen Sprachgebrauch von sozial devianten Gruppen auf, denn die Sprache derer, die sich außerhalb der Gesellschaft organisierten, weckte das Interesse der Außenseiter, sie funktionierte als Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Gruppe. Wir können annehmen, je mehr sich eine Gruppe von der sprachlichen Umwelt unterscheidet, je mehr sie sich von ihr abschließt (bzw. dazu gezwungen wird, sich abzuschließen), desto mehr Unterschiede weist der für die Gruppe typische Sprachgebrauch, also auch ihr Slang, vom Sprachgebrauch der Mehrheit auf. In der ungarischen (und europäischen) Gesellschaft des Mittelalters und der Epoche direkt danach kann man solche eigentümlichen, die tradierten Werte und Lebensweisen zurückweisenden Gruppen, die in den Augen der “normalen” Gesellschaft Devianz-Status besitzen, vor allem in der Subkultur der Diebe und Bettler, die sich oft verbinden und sich wie Zünfte konstituieren, wahrnehmen. Da die Gaunersprache eine der wichtigsten Derivate des Slangs jeder Sprache, so auch der ungarischen ist, lohnt es sich, sich mit ihrer Entfaltung etwas eingehender zu beschäftigen.

3.1. Bei der Herausbildung des Fachslangs der Diebe und der Bettler war — wie bei der Entstehung jeder Art von Slang — das Zustandekommen einer Gemeinschaft nötig, die verhältnissmäßig geschlossen war, intensiven Sprachkontakt pflegte und als Gruppe im soziologischen Sinne bezeichnet werden kann, indem sie über eine gemeinsame Wertordnung und eine innere Hierarchie verfügt. Die Herausbildung solcher Gruppen — nach offensichtlich verschiedenen Vorgeschichten — kann mittels der Genese bestimmter Subkulturen in der Bevölkerung erklärt werden. Das Zustandekommen einer Gegenkultur der Diebe und Bettler hängt eng mit der plötzlichen Stagnation des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lebens am Anfang des 14. Jahrhunderts in Westeuropa zusammen. Aus verschiedenen Gründen wurden im mittelalterlichen feudalen Europa Hunderttausende besitzlos und dazu gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen.

Die vor Hunger und Pest fliehenden gewaltigen Massen waren mit einem zerstörerischen Heer von in Banden auftretenden Söldnern, Straßenräubern, gewalttätigen falschen Bettlern und anderen Gruppen konfrontiert, die außer der Gesellschaft standen und binnen einiger Jahre überall in Europa berüchtigte Räuberhöhlen und Mördergruben einrichteten.

Vielleicht war es eine solche Räuberhöhle und Mördergrube, bekannt unter dem Namen “Hof der Wunder” (Cour des miracles), die auch François Villon besuchte, woher Morgens Hinkende, Lahme, Diebe, Mörder, eheliche und uneheliche Kinder eifrig hervorströmten, um mit ihren verkrüppelten Körpern und zu Missgeburten entstellten Gesichtern die Pariser dazu zu bringen, sich ihrer zu erbarmen und ihnen Almosen zu spenden. Gegen solche Diebs-, Landstreicher- und Bettlergruppen wurden schon am Ende des 13. und am Anfang des 14. Jahrhunderts blutige Gesetze erlassen. Die Betroffenen am Rande der Gesellschaft reagierten auf diese blutigen Gesetze ihrerseits mit eigenen Organisationen und Vereinigungen. Zusammenschlüsse bündischer Art gelten übrigens ja allgemein als hervorstechendste Eigenheit dieser Epoche.

Bettler und Diebe schlossen sich wie die Vertreter anderer Handwerke in Zünften zusammen, die über verbindliche Mitgliedschaft und begrenzte rechtliche Autonomie verfügten. Diese Berufsgemeinschaften begannen sich im 11. Jahrhundert nach dem Muster der verschiedenen frommen Andachtsgesellschaften herauszubilden und wie ihre sich zu religiösen und wohltätigen Zwecken organisierenden Vorgänger erfüllten sie in erster Linie defensive Aufgaben. Nach dem Muster der religiösen Assoziationen bildeten die Zünfte auch ihre spezifischen Organisationsstrukturen aus. Daraus leiten sich die organisatorischen Regeln und die alltäglichen Gewohnheiten ab, die dann so lange ihr Leben bestimmten.[3]

Die mittelalterliche zunftmässige Organisation der Diebe wurde in fast unveränderter Form am längsten (bis Ende des zweiten Weltkrieges) in Russland beziehungsweise in der UdSSR aufbewahrt und man kann sie mit einigen Veränderungen bis heute antreffen, sie wahren die Hierarchie innerhalb der Diebeswelt, die kodifizierten Diebesgesetze usw.[4] (Auch dieser Hintergrund erklärt übringens die erfolgreiche globale Expansion der russischen Mafia in den neunziger Jahren.)

3.2. Die sprachliche Folge der Organisierung der Diebes- und Bettlerzünfte war die Geburt der Diebes- und Bettlerslangs. Das Zustandekommen dieser Sprachvarianten, die Zusammengehörigkeit ausdrücken und die Schlagkraft der Gruppe garantieren, ist ein natürlicher und unvermeidlicher Prozess, man kann im Fall der Diebes- und Bettlersubkulturen auch die Regel beobachten, dass das Argot gleichzeitig zum Mittel der Geheimniswahrung und der Abschirmung gegen die Außenwelt wurde. Die Kenntnis der Gaunersprache war in diesen geschlossenen Gesellschaften, deren Leben durch genaue Normenkodifikation geregelt war, eine Bedingung für die Zugehörigkeit zur Diebesgesellschaft.

Die Aneignung des Argots bedeutete für ein neues Mitglied nicht nur sprachliche Kenntnis, sondern auch die Annahme der Normen- und Wertordnung der Gemeinschaft, nicht nur spontane Übernahme des Wortinventars, wie es von den anderen gehört wurde, sondern Belehrung der Neulinge durch Eingeweihte. Wenn die Gerichte die Kenntnis der Gaunersprache als Erkennungsmerkmal von Dieben bezeichneten, kann dies im Brauch der “sprachlichen Einweihung” seinen Grund haben. Das bestätigt auch das Eingeständnis eines Bandenführers von 1776: “…die ungarischen Ganoven kann man an ihrer Spache erkennen”.[5]

Gegen das Bestreben, die Gaunersprache kennenzulernen, schützten sich Kriminelle angeblich mit deren absichtlicher Veränderung. Wir kennen dafür zwar kein Beispiel aus Ungarn, aber die ausländischen Quellen weisen mehrmals auf regelmässig veranstaltete Diebeskonferenzen hin, auf denen — Informationen zufolge, die aus verständlichen Gründen nicht genügend gesichert sind — die alten Wörter der Gaunersprache durch neue ersetzt wurden.[6] In der archaische Eigenschaften bewahrenden russischen Diebesgesellschaft lebt auch heute noch der Glaube, dass auf den Diebeskongressen über die Wörter entschieden wird, die in die Gaunersprache aufgenommen werden dürfen und die ersetzt werden. Die Gaunersprache ist aber ein zu beständiger und organischer Fachslang als dass er künstlich geregelt werden könnte.[7]

3.3. Spätestens während des 19. Jahrhunderts wurde die archaische zunftmässig organisierte Diebesgesellschaft überall in Europa von der modernen Unterwelt abgelöst, die sich nicht mehr als autonome Gesellschaft unterhalb der anständigen Gesellschaft betätigt, sondern die Verbrechen als eine Art Geschäftszweig, als ein Element des Marktes begreift und begeht und sie teilweise am Markt verkauft.[8] Östlich von Ungarn verlief dieser Prozess etwas verspätet, deshalb sind hier auch noch im 19. Jahrhundert in großer Zahl Bettlergesellschaften zu finden.[9] Diese Veränderung konnte sich in Ungarn bis Ende des 18. Jahrhunderts (oder eher früher) abspielen, denn die Quellen zur Gaunersprache aus dem 19. Jahrhundert (zum Beispiel die Wortliste von Toronyai) beinhalten schon in großer Menge Wörter, die auf Stadtverbrechen und internationale Kontakte hinweisen, das Wortinventar kündet also schon von ganz anderen Praktiken der Kriminalität.

 

4. Als erste Quelle für eine ungarische Geheimsprache seien die Zeilen über die Sprache der Bettler von Simánd (lingua caecorum) im Werk “Hungaria” von Miklós Oláh aus dem Jahre 1536 zitiert. Im Traktat des Erzbischofs von Esztergom heißt es: “Es gibt — um es so zu nennen — ein Dorf zwischen der Mieresch und der Weißen Kreisch außerhalb von Siebenbürgen, das Simánd heißt. Dieses Dorf bewohnen fast nur Hinkende, Blinde, Lahme und scheußliche Krüppel, die keinem gesunden Menschen erlauben, es zu betreten; sie rühmen sich ihrer Missgestaltungen und bilden dabei eine ganz eigene Gemeinschaft. Um diese in ihrer verkrüppelten Ganzheit unversehrt zu bewahren, höhlen die Eltern ihren Säuglingen bei der Geburt sofort die Augen aus, sie verrenken ihre Knochen und Glieder, und damit sie sich von den anderen nicht in ihrem Körper unterscheiden, sondern auch was ihre Sprache betrifft, haben sie sich eine eigene Sprache geschaffen, die einzig und allein nur sie verstehen, und die Blindensprache genannt wird.”[10]

4.1. Die Beschreibung der Bettler von Simánd und ihrer Sprache wirft bis heute ungeklärte Fragen auf, ob nämlich im Bericht von Miklós Oláh wirklich ein Bettlerslang angesprochen ist oder, wie einige Wissenschaftler meinten, über Zigeuner berichtet wird und die Simánder Bettlersprache daher nichts anderes wäre als eine Sprache, die für die Bevölkerung in der Gegend eine unverständliche Fremdsprache war.

Nach Gábor Fábián und Sándor Márki[11] bezieht sich die Beschreibung von Miklós Oláh nicht auf die Bewohner von Simánd, sondern auf die in Zelten wohnenden Zigeuner, die sich bei Simánd niederließen und über die am Anfang des 16. Jahrhunderts, da man ihre Lebensgewohnheiten nicht kannte, dieses von Oláh aufgezeichnete Gerücht entstand. Die Nachricht könnte aber etwas Wahres an sich haben, indem diese Zigeuner, die auch der Bettelei nachgingen, sich wirklich als Krüppel verstellten. Da die Zigeuner von der ungarischen Bevölkerung völlig getrennt in ihren Behausungen lebten, sei es ganz natürlich, dass niemand ihre Sprache verstand. Auf diese Weise wäre diese Sprache nur für Außenstehende, die die Zigeunersprache nicht beherrschten, eine “Geheimsprache”.[12]

Hiador Sztripszky meint im Gegensatz zu Fábián und Márki singende Bettler in diesen sonderbaren Menschen zu entdecken, er sagt, “dass die Zigeuner auch damals nur sein konnten, was sie heute sind: Geiger, Schmiede, nomadisierende Pferdediebe, die eher eingegrabenes Aas essen als sich auf singende Bettelei zu verlegen.”[13]

Auf Grund der im Zusammenhang mit der Entstehung und dem Weiterbestehen der Bettlerzünfte reichlich zitierten Angaben und mehrerer anderer Argumente von Sztripszky kann man mit genügend großer Wahrscheinlichkeit behaupten, dass die von Miklós Oláh erwähnte “Blindensprache” ein Argot im 16. Jahrhundert war, von dem man aber kein Wort mehr kennt.

 

5. Erste Wortlisten einer Gaunersprache, die man auch heute noch kennt, entstanden verhältnismässig spät, im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts, als einer weitverzeigten Bande von Marktdieben der Prozess gemacht wurde. Die Führer und sämtliche Mitglieder der Bande wurden 1775/76 sowie später nach einer Reorganisation der Bande 1782 festgenommen und in verschiedenen Städten Ungarns vor Gericht gestellt. Die an den Prozessen beteiligten Offiziellen schenkten auch der Sprache der Ganoven große Aufmerksamkeit, deshalb enthalten die Protokolle der Prozess-Serie in größerer Menge Argotwörter. Ein Teil dieser Ausdrücke dürfte damals wohlbekannt gewesen sein (so kommt zum Beispiel auch in der Sprache der die Angeklagten befragenden Person oft das Wort rajzol [eigentlich zeichnen] ’stehlen’ vor); man hielt es dazu auch für angebracht, weitere Ausdrücke in der Antwort der Angeklagten extra auch noch aufzuzeichnen. Auf Grund dieser stellte man bestimmt auch kleine Wortlisten zusammen, die man dann anderen Gerichten schickte, wo sie sicherlich ergänzt und beim Verhör wieder erweitert wurden. Zur Zeit hat man insgesamt von fünf Wortlisten mit 28–78 Wörtern Kenntnis.

5.1. Es handelt sich um die folgenden Wortlisten:

5.1.1. “Vocabula vero, quibus iidem uti Solebant, uti Nobis revelatum extitit, Seqvuntur hoc Ordine’” [Und jetzt folgen in dieser Reihenfolge die Wörter, die sie zu benutzen pflegen, wie sie uns verraten haben]. Die mit “Miskolcer Wörterverzeichnis” betitelte und mit 9. Mai 1775 datierte Quelle enthält 28 Wörter.[14]

5.1.2. “Lingva idiotica furum Complurium in una Societate et ingenti Banda Constitutorum per Captivum Eppalem Joannem Kovács asÿlantem dicita. 28o 9bris 1775” [Die eigenartige Sprache einiger Diebe, die sich als Gemeinschaft und mächtige Bande organisiert hatten, diktiert vom aus E. verbannten Gefangenen János Kovács am 28. September 1775]. Die 70 Wörter umfassende Wörterliste kam im Budapester Piaristenarchiv zum Vorschein.[15] Das Interessante daran ist, dass die Wörter von den Quellen dieser Zeit abweichend angeblich nicht während eines Gerichtprozesses aufgezeichnet wurden, sondern der Schreiber den Wortschatz des im Titel genannten Sträflings zusammenstellte.

5.1.3. “Zsivány Szók” [Ganovenwörter]

Bei diesem Wörterverzeichnis mit seinen 78 Ausdrücken dreht es sich um das umfangreichste ungarische Argotsprachdenkmal.[16]

5.1.4. “Annô 1782. Die 17â Aprilis, sub Sedria Districtûs Privilegiator Oppidorum Hajdonicalium Causarum Criminalium Revisoria, in Oppido Böszörmény celebrata, Consignatio Terminorum, et Vocum, qvibus Fures Nundinales, vulgô ’Sivány, seu Vásári Tolvaj, in mutuo colloqvio, occasione patrandorum furtorum uti consveverunt” [Die Sitzung der Strafuntersuchungskomission des Bezirksgerichtshofes der privilegierten Heiduckenstädte am 17. April 1782, die in der Stadt Böszörmény abgehalten wurde; das Verzeichnis der Wörter und Wendungen, die die Marktdiebe (in der gewönlichen Sprache ’Sivány oder Vásári Tolvaj) in den Gesprächen unter einander während der Diebstähle zu verwenden pflegen].[17]

Diese Wortliste von Jablonczay, auch “Wörterverzeichnis aus dem Heiduckenkreis” bezeichnet, die 74 Wörter enthält, ist die bekannteste Quelle der ungarischen Gaunersprache; der ungarische königliche Statthalterrat schickte diese Wortliste in einem Rundschreiben an alle Munizipien[18], dank dessen wurde das Wörterverzeichnis von Jablonczay im ganzen Land bekannt, viele Munizipien schickten es in einer Abschrift an die untergeordneten Institutionen der Bezirke und Gemeinden, daher sind die 74 Wörter dieser besonders bedeutenden Quelle in mehreren Variationen überliefert.[19]

5.1.5. In der ungarischen linguistischen Fachliteratur wird das Wörterverzeichnis von Eger, das zahlreiche Ähnlichkeiten mit dem zuletzt genannten Verzeichnis aufweist, als Quelle vom Anfang des 19. Jahrhunderts gewürdigt. Es enthält eine Aufzeichnung, die als abweichend vom “Lexicon Ungaricum” von Raphaëlis Takáts beigefügt ist.[20] Das selbständige Blatt mit der Pagina 310, welches das Wörterverzeichnis enthält, ist am Ende des Buches eingelegt. Das Entstehungsjahr ist zwar 1811, aber hinsichtlich des Sprachmaterials kann man ganz sicher sagen, dass es älter ist, es steht wahrscheinlich in näherer Beziehung zu den Wörterverzeichnissen, die um 1775–1776 entstanden waren und die unter Ziffer 5.1.1. und 5.1.3. genannt sind: “Dictionarium Novum in Sede Dominali Episcopali Agriae Die 29 Novemb conscript a latronib interceptis, adhuc in latrocinio suo existentib excogitat”[Neues Wörterbuch, das am 29. November auf dem Erzbischofsitz in Eger von den gefangenen Räubern zusammengeschrieben wurde, diese benutzten sie während ihrer bisherigen Raubtaten].[21]

5.2. Diese fünf Wörterverzeichnisse können als Quellen einer sogenannten Ganovensprache der Alföld (Tiefebene) betrachtet werden. Mit einer Ausnahme (5.1.3. ® 5.1.4.) sind sie keine direkten Abschriften voneinander, obwohl ein bedeutender Teil ihres Wortschatzes, der zusammen etwa 100 Lexeme beträgt, übereinstimmmt. Die Differenzen rühren überwiegend von einem früheren unbekannten Wörterverzeichnis her bzw. betreffen Ergänzungen am Ende der einzelnen Wortlisten.

Die gefundenen Wörterverzeichnisse sind vermutlich teilweise Abschriften, teilweise solche Abschriften ergänzende Sammlungen, an einigen Wörterverzeichnissen ist nämlich gut festzustellen, dass man am Ende der vorhandenen Liste — oft von anderer Hand aufgezeichnet — hinzugekommene Ausdrücke schrieb. Dem unter 5.1.2. erwähnten Piaristenwörterverzeichnis zufolge kann man annehmen, dass die Praxis existierte, dass Wörter einer vorhandenen Liste anhand der Befragung einer Person, die die Gaunersprache kannte, überprüft wurden.

5.3. Die Wörterverzeichnisse zur Gaunersprache aus dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts geben das Bild einer typischen ungarischen Gaunersprache wieder. Das Argot der Marktdiebe, das am Land (also nicht in den größeren verbürgerlichten Städten) verwendet wurde, formte sich größtenteils aus den Elementen der ungarischen Sprache. Da man andere Typen der Argots aus dieser Zeit nicht kennt, kann man nicht wissen, wie typisch das im Allgemeinen für die ungarische Gaunersprache dieser Zeit war, die späteren Verbrechersprachen in den Großstädten (vor allem in Budapest), die mit Daten belegt sind, zeigen einen viel stärkeren fremdsprachlichen Einfluss. Nach Géza Bárczi[22] hat mehr als die Hälfte der Wörter der Ganovensprache der Alföld einen ungarischen Ursprung (zum Beispiel mester [eigentlich: Meister] ’Henker’, rikkantó [eigentlich: Schreier] ’Ente’, fejes [eigentlich: mit Kopf] ’Herr Offizier’, perge [eigentlich: rollende] ’Wagen’, kígyó [eigentlich: Schlange] ’Gürteltasche’ usw.). Neben den Belegen aus interner ungarischer Entwicklung sind auch deutsche, slawische, zigeunerische, hebräische und lateinische Lehnwörter zu finden. Deutschen Ursprung haben zum Beispiel kajzer ’Gemeindeweibel der Ganoven’, hontiroz ’ableugnen’, slawischen komnyik ’Hehler’, szlepriska ’Soldat’, zigeunerischen ruhi ’Schlag’, haduvál ’ausrufen’, es gibt Beispiele sogar für hebräische Wörter, die in der späteren städtischen Gaunersprache eine große Rolle spielen: coff ’Einforintstück’, pledi ’laufe!’. Abgesehen von der Entlehnungspraxis als solcher gibt es weitere überraschende Übereinstimmungen. Wahrscheinlich eine zufällige Übereinstimmung ist ungarisch kaparó [eigentlich: Kratzer] und deutsch Mistkratzer (beide bedeuten ’Huhn’); es lässt sich aber ein direkter Zusammenhang zwischen dem ungarischen nagy víz [eigentlich: großes Wasser] ’stark besuchter Markt, wo es leicht ist zu stehlen’ und dem deutschen Rotwelsch See ’Gesichtskreis der Dieberei’, Seewacher, Seefuhrer ’Taschendieb’ vorstellen. Einige lateinische Wörter der Ganovensprache der Alföld weisen darauf hin, dass sich auch von der Schule verwiesene Studenten unter den Marktdieben finden konnten: kanafória ’Galgen’ (vgl. lat.-griech. canephoros, canephora ’(die Statue) des korbtragenden Mädchens’), singula ’Hure’, posterium ’Kerker’.

 

6. Nach den Wörterverzeichnissen der Prozesse 1775/82 gegen die Marktdiebe wurde aus dem Zeitraum bis 1862 keine weitere bedeutende Quelle für die ungarische Gaunersprache aufgefunden. Das ist sehr bedauerlich angesichts der Ansprüche einer entwicklungsgeschichtlichen Darstellung, denn gerade aus jener Epoche fehlen Angaben, in der die großstädtische Gaunersprache, in der die fremden, vor allem deutschen und jiddischen Elemente zu überwiegen beginnen, den Platz des ländlichen Argots einnimmt, das hauptsächlich ungarische Elemente innerer Entwicklung enthalten hatte.

 

7. Als Übergang zwischen den zwei abweichenden Typen mag das Wörterverzeichnis von Toronyai gelten, das Wörter ländlicher Gaunersprache aus innerer Entwicklung ebenso einschließt wie städtisches Argot mit Elementen fremden Ursprungs in großer Zahl. Es handelt sich dabei um das erstmals für ein breites Publikum zusammengestellte Wörterverzeichnis, das in dem Büchlein: “Zur Enthüllung der untereinander gebrauchten falschen und verworrenen Reden der Räuber, Diebe und Kosaken…” (1862) zu finden ist. Der zweite Abschnitt der 63 Seiten umfassenden schlichten Arbeit von Toronyai ist ein 7-seitiges, 177 Wendungen enthaltendes kleines Wörterverzeichnis (27–33), in dem der Verfasser die Wörter der Gaunersprache durch je zwei ungarische Gattungswörter erklärt.

Die linguistische Bewertung des Wörterverzeichnisses leistete Mihály Hajdú (1968), der Bárczis Annahme bekräftigte, dass “der Wortschatz hauptsächlich ungarisch ist, aber schon das bedeutende Eindringen der fremden Elemente bezeugt”[23]. Das größte Verdienst des kleinen Wörterverzeichnisses liegt gerade darin, dass es die Phase der Veränderung verewigt, als die ländliche Ganovensprache sich mit der städtischen Gaunersprache, die fremdsprachliche Elemente in großer Menge aufnahm, zu vermischen begann. (Die ländliche Gaunersprache bewahrte vermutlich auch später diesen “vermischten” Charakter, was trotz der großen Zahl der Lehnwörter bedeutete, dass dieser Slangtyp grundsätzlich immer ungarische Eigenheiten aufwies.)

Das auffälligste Charakteristikum des Wörterverzeichnisses von Toronyai ist neben den zunehmenden deutschen (Czinkolva ’erkannt, bemerkt’, Firolni ’anschwindeln, rufen’, Pajzli ’Beisel’, Untermakker ’fliehen’ usw.) und jiddischen (Tzoldova ’zahlen’, Dalesz ’Armut’, Khavér ’Partner’, Sokher ’arm’ usw.) Wörtern die große Anzahl der Lehnwörter aus der Zigeunersprache: Balhé ’es gibt Ärger’, Csávó ’Junge’, Kajálni ’zu Mittag, zu Abend essen’, Piálni ’trinken’, Vakhere ’loben, rühmen’ usw. Für die ungarische Gaunersprache ist von da an bis heute typisch, dass sie verhältnismäßig viele Lehnwörter aus der Zigeunersprache enthält.

 

8. Von den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts an erschienen Wörterverzeichnisse und Wörterbücher, die Verbrecher-Sprache repräsentieren, in größerer Zahl und in größerem Umfang. Sie setzen sich ohne Außnahme mit dem Slang der Diebe auseinander, wie er in größeren Städten (allem voran in Budapest) anzutreffen war. Über dieses Argot lässt sich allgemein sagen, dass es unter einem sehr starken deutschen bzw. durch die deutsche Gaunersprache vermittelten jiddischen Einfluss stand. Vielleicht trifft die Annahme zu, dass die ungarische Gaunersprache unter deutschem Einfluss und das der Magyarisierung ausgesetzte heimische Deutsch in diesem großstädtischen Argot zusammenschmolzen.

Um die Jahrhundertwende dürfte von außen betrachtet das hebräisch–jiddische Wortgut eines der auffälligsten Eigenheiten der Gaunersprache gewesen sein. Das (und die vermutlich wirklich vorhandene jüdische Kriminalität, die wahrscheinlich ein viel geringeres Ausmaß hatte, als angenommen wurde) war der Grund für die zeitgenössische antisemitische Anschauung, die das Verbrechertum und die gefährlichsten Kriminellen jüdischer Herkunft zuordnete: “In unserer Heimat sind die gefährlichsten Diebe bis zum heutigen Tag die ausländischen Diebe und zwar die deutschen, russischen, polnischen, aber in allererster Linie die Juden aus diesen Nationalitäten” — schrieb Pál Nagy.[24] Diese Behauptung taucht später auch in der ungarischen Linguistik als “wissenschaftliche” Tatsache auf: “Es ist eine Tatsache, dass die hebräische Sprache — lósaun hákkaudes (heilige Sprache) — der Gaunersprache als Basis diente. Das bezeugt die unzweifelhafte, also beweisbare Wahrheit, dass diese Sprache bis heute den Kern der Gaunersprache aller europäischen Nationen bildet. Die erste Gaunersprache war einheitlich.”[25]

Szirmay führt die Herausbildung der Gaunersprache aus dem Hebräischen in gerader Linie in die Zeit des Römischen Reiches zurück; er behauptet: “Von der damaligen Gaunersprache blieb natürlich keine Aufzeichnung erhalten, aber es ist wahrscheinlich, dass ihr Grund die jüdische Sprache war, denn die heutige Gaunersprache hat sie immer noch als Hauptmoment. Die Begründung ist offenbar. Die Juden, die aus irgendeinem Grund ins Gefängnis gerieten, sprachen in ihrer eigenen Muttersprache, die die Wächter nicht verstanden, auf diese Weise verkehrten und sprachen sie untereinander, ohne von der Außenwelt kontrolliert werden zu können. Die nicht-jüdischen Häftlinge beneideten die Juden um diesen Vorteil und strebten danach, ihre Wendungen zu erlernen.”[26] (Warum deren eigene nicht-latenische Sprache keinen ähnlichen Vorteil offerierte, schweigt sich Szirmay allerdings aus.)[27]

 

9. Die frühesten Denkmäler der städtischen Gaunersprache in Ungarn stammen nicht etwa aus ungarischem, sondern aus deutschem Argot. Darin liegt begründet (abgesehen vom großen Einfluss der deutschen Gaunersprache auf die ungarische), dass die Fachliteratur die betreffenden Texte als Quellen für ungarischen Argot in Evidenz zu halten pflegt. Dieses Verfahren kann natürlich nur mit großem Vorbehalt und mit Rücksicht auf spezielle sprachliche Gegebenheiten der Zweisprachigkeit in deutsch–ungarischen Städten der Jahrhundertwende angenommen werden.

9.1. Das erste umfangreichere Wörterbuch dieser deutsch/ungarischen Gaunersprache, die einen unsicheren sprachlichen Status hat, ist typischerweise ein aus dem Deutschen ins Ungarische übersetztes Argotwörterbuch mit dem Titel “Tolvajnyelv…” [Gaunersprache…] (Nagy 1882). Dieses kleine Büchlein von 83 Seiten ist die Übersetzung des Werks von A. F. Thiele, dem Preußisch-königlichen Schriftführer in Strafangelegenheiten, mit dem Titel “Die jüdischen Gauner in Deutschland, ihre Taktik, ihre Eigenthümlichkeiten und ihre Sprache”, das 1848 in Berlin erschien. Das Büchlein enthält in erster Linie Ausdrücke der internationalen Gaunersprache, obwohl der Übersetzer auch die notwendigsten in Österreich und in Ungarn benutzten Gauner- (Jenisch)wörter aufnahm (siehe den Anhang des Buches auf Seite 80/82).

Dieses Wörterbuch als Denkmal der ungarischen Gaunersprache zu bezeichnen, ist — auch infolge dessen, dass es sich um eine Übersetzung handelt — eine Verlegenheitslösung. Sein Wortinventar repräsentiert ohne Ausnahme Wendungen des deutschen Argots, obwohl einige von ihnen schon in jener Zeit (und besonders in den darauf folgenden Jahrzehnten) in den Fundus der ungarischen (städtischen) Gaunersprache eingingen.

9.2. Das Buch des Staatspolizeiinspektors Kálmán Berkes “A tolvaj élet ismertetése” [Die Darstellung des Lebens der Diebe] wurde mit einer grundsätzlich kriminologischen Intention verfasst, die gaunersprachliche Sammlung kommt als ein Mittel zur Präsentation von Kriminalität ins Spiel. Es enthält reichlich Argotmaterial, es gibt da eine Rezension “Über die Gaunersprache” (S. 98–100), etwa 800 Wörter im Kapitel “Sammlung der Gaunerwörter” (S. 101–39), “Gaunerzahlen” (S. 139–40) und “Gespräche in der Gaunersprache” (S. 141–82). Dieses Werk erschien 1889 in der Umarbeitung von Gyõzõ Erdélyi auch in einer deutschen Ausgabe.[28] Das Wörterbuch der deutschsprachigen Ausgabe veröffentlicht nur die Wörter fremder (hauptsächlich deutscher und jiddischer) Herkunft, die Wörter ungarischen Ursprungs aber nicht.

Der Teil des Werkes von Kálmán Berkes, der sich mit der Gaunersprache beschäftigt, besteht im Gegensatz zur Wörterbuchübersetzung von Pál Nagy ausschließlich nur aus in Ungarn und in Budapest gebrauchten Wörtern und beinhaltet auch einige wichtige theoretische Bemerkungen. Die wichtigste davon ist der Hinweis auf den Registercharakter der Gaunersprache als Sondersprache; in der Formulierung von Berkes: “Die Gaunerrede- oder sprache ist keine organische Rede. Sie ist eigentlich ein Kauderwelsch, das während Jahrhunderte aus den verschiedensten Sprachen durch vielerleie heterogene Umwandlungen entstand. Das ist ein Lexikon ohne Grammatik.[29] Eine interessante Angabe über den Gebrauch des Argots (eigentlich über seine Integration in die Grundsprache [eng. vernacular variety]) ist die Beobachtung von Berkes, dass die Verbrecher “die Gaunersprache in der Familie als eine normale Umgangssprache anwenden”.[30]

Den Wörterverzeichnissen und Dialogen von Berkes lässt sich deutlich entnehmen, in welcher Weise die ungarische und deutsche Gaunersprache miteinander verflochten, als eine Art von spezieller bilingualer Erscheinung, bestand. Die Komplexität des Phänomens wurde also durch die schon mehrfach erwähnte deutsch–ungarische Zweisprachigkeit gesteigert, die die sprachliche Situation in mehreren ungarischen Städten, auch in Budapest, kennzeichnete. Die meisten Dialoge im Buch haben zum Beispiel eine deutsche Grundsprache. Hier mag ein kurzes Beispiel dafür stehen: “Lincz den Englisch an bei den fuchsmelochener, der ist alt zum legen, chanscheck ist auch jetzt. Tuck her den dartl, ich werde es aufschochern, und du czupfst dieshojre [= die shojre] und les sonika zum passer damit, ich kraut dir nach.” [Schau dir mal das Schaufenster beim Goldschmied an, da lohnt sich ein Raub und die Zeit ist jetzt günstig dazu. Gib den Dietrich her, ich werde aufsperren und du nimmst die Beute, geh damit sofort zum Hehler, ich komme nach.][31]

9.3. Bei der Erforschung des Argots im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Ungarn wird sehr schön deutlich, dass der entwickelte Wortbestand der deutschen Gaunersprache den damals viel ärmlicheren ungarischen Wortschatz unterdrückte. Die Madjarisierung der Gaunersprache findet erst nach dem Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie statt, obwohl sich dieser Prozess schon im Wörterbuch von Jenõ–Vetõ abzeichnet, das 1900 erschienen ist. Er zeigt sich später auch im Wörterbuch der Polizei aus dem Jahre 1911 (TolvnySz. 1911), in dem die deutschen Formen zwar noch dominieren, aber ihre Proportion nimmt ab. Das von István Szirmay zusammengestellte Wörterbuch von 1924 bildet schon eine völlig madjarisierte Gaunersprache ab, in der sich die erhaltenen fremden Elemente in ihrer Lautform und ihrem Aufbau stark verändert und sich der ungarischen Sprache angeglichen haben.[32]

Nach der Berechnung von Jenõ und Vetõ enthält ihr Wörterbuch 33% Wörter deutscher, 25% ungarischer, 20% hebräischer Herkunft und 5% aus Zigeunersprachen.[33] Die Verteilung gestaltete sich nach einem Vierteljahrhundert in folgender Weise neu: 20% Wörter deutscher, 5% hebräisch-jiddischer, 2% zigeunerischer und 70% ungarischer Herkunft.[34]

Bezüglich dieser Proportionen und hinsichtlich anderer Merkmale stehen diese Phänomene bereits dem Bild sehr nahe, das im heutigen Argot zu beobachten ist, deshalb kann man ruhig behaupten, dass die historische Epoche der ungarischen Gaunersprache in den zwanziger Jahren abgeschlossen wurde. Der seitdem verstrichene Zeitraum gehört schon der modernen Epoche der ungarischen Gaunersprache an, der an die Vorgeschichte organisch anknüpft, aber in vielem davon abweicht.

 

 

Bibliographie

 

Balassa, József (1924): A magyar tolvajnyelvrõl [Über die ungarische Gaunersprache]. In: Szirmay 1924: 3–14.

Bárczi, Géza (1932): A “pesti nyelv” [Die “Pester Sprache”]. Budapest.

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Boross–Szûts 1987 = A mai magyar argó kisszótára [Kleines Wörterbuch des heutigen ungarischen Argots]. Zusammengestellt von József Boross, László Szüts [= Szûts]. Budapest.

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Nagy, Pál 1882 = Tolvajnyelv (mely Európa legnagyobb részében nem csak a tolvajok, hanem az orgazdák és hozzátartozóik által is használtatik) [Gaunersprache (die im Europas größten Teil nicht nur von den Dieben sondern auch von den Hehlern und Verwandten gebraucht wird)]. Nach A. F. Thiele und anderen übersetzt aus dem Deutschen ins Ungarische von Pál Nagy. Gyõr.

Nagy, Sándor (1970): Zsivány nyelv a XVIII. században [Ganovensprache im 18. Jahrhundert]. Múzeumi Kurír, 2. sz. 34–6.

Oláh Miklós 1536/1735 = Nicolai Oláhi Archi-Episcopi Strigoniensis Hvngaria, sive De Originibus Gentis, Regionis Situ, Diuisione, Habitu, atque Opportunitatibus, liber singvlaris [Ungarn oder die Herkunft seines Volkes, die heutige Situation, Aufteilung, Bräuche und günstige geographische Lage seiner Länder, ein vorzügliches Buch von Miklós Oláh, Erzbischof von Esztergom]. In: Bél Mátyás: Adparatvs ad historiam Hvngariae, sive collectio miscella, Monumentorum ineditorum partim, partim editorum, sed fugientium. [Angaben zur Ungarns Geschichte oder eine gemischte Sammlung von teilweise unveröffentlichten, teilweise veröffentlichten, aber leicht verlorengehenden Dokumenten]. Conquisiuit, in Decades partitus est, & Præsationibus, atque Notis illustrauit, Matthias Bel. Posonii, 1735. 1–38.

Oláh, Miklós 1536/1938 = Nicolaus Olahus: Hungaria — Athila. Ediderunt Colomannus Eperjessy et Ladislaus Juhász. (Bibliotheca Scriptorum Medii Recentisque Aevorum. Saeculum XVI.) Budapest. 1938.

Ponori Thewrewk, Emil (1887): Bevezetõ József fõherczeg “Fundamentum linguae zingaricae J. J. M. Koritschnyák. Anno 1806.” c. közleménye elé [Eingeleitet von Erzherzog Joseph: “Fundamentum linguae zingaricae J. J. M. Koritschnyák. Anno 1806.”]. Egyetemes Philologiai Közlöny, 705–6.

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Szilágyi Ákos (1989): Orosz alvilág a Szovjetunióban [Russische Unterwelt in der Sowjetunion]. In: Kovács–Sztrés 1989: 209–35.

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Sztripszky, Hiador (1908): Igriczek — énekes koldusok [Spielmänner — singende Bettler]. Ethnographia, 19: 345–53.

Tábori, Kornél–Székely, Vladimir (1908): A tolvajnép titkai [Die Geheimnisse des Diebesvolks]. Budapest.

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Toronyai, Károly (1862): A rablóknak, tolvajoknak és kozákoknak együttvaló hamis és zavaros beszédeik, hasonlóan hamis és titkos cselekedeteik felfedezéseül összeiratott és kiadattatott a köznépnek ovakodási hasznára, és a rosz emberektõl való õrizkedéseikre [Zur Enthüllung der untereinander gebrauchten falschen und verworrenen Reden der Räuber, Diebe und Kosaken, sowie ihrer falschen und geheimen Taten und zur Vorsicht und zum Schutz des gemeinen Volkes vor bösen Menschen]. Pest.

Török, Gábor (1957): Legrégibb tolvajnyelvi szójegyzékünk [Das älteste Wörterverzeichnis unserer Gaunersprache]. Magyar Nyelv, 53: 273–4.

 

(Übersetzt von Ágnes Ligeti)



*    Dieser Beitrag wurde mit der Unterstützung des Research Support Scheme of the Open Society Support Foundation (563/1998) und eines Bolyai-Forschungsstipendiums (BO/00425/98) verfasst.

[1]    Das erste für das große Publikum herausgegebene Büchlein, das die verschiedenen Verbrecher und ihre Sprache vorstellt, zeigt schon mit seinem Titel diese Absicht seines Verfassers: “Zur Enthüllung der untereinander gebrauchten falschen und verworrenen Reden der Räuber, Diebe und Kosaken, sowie ihrer falschen und geheimen Taten und zur Vorsicht und zum Schutz des gemeinen Volkes vor bösen Menschen” (Toronyai 1862). Ein ähnliches Ziel verfolgte auch Pál Nagy, als er Thieles Wörterbuch übersetzte, wenn er schreibt: “wie der Soldat die Waffen seines Feindes, so muss der, der sich mit Strafangelegenheiten abmüht, die Sprache der Diebe kennen” (Nagy 1882: 3). — Neuere ungarische Jargonwörterbücher, die als Ausgabe der Polizei und nicht etwa als linguistische Publikation veröffentlicht wurden, sind zum Beispiel das Werk von Károly Kiss (1963) oder von Boross–Szûts (1987).

[2]    A zichi és vásonkeõi gróf Zichy-család idõsb ágának okmánytára. Harmadik kötet [Die Urkundensammlung des älteren Zweiges der Familie Graf Zichy, von Zich und Vásonkeõ. Dritter Band]. Hg. Imre Nagy, Iván Nagy und Dezsõ Véghely. Pest, 1874. S. 237.

[3]    Kovács–Sztrés 1994: 11–2; zu Sitten und Ritualen der verschiedenen europäischen Diebeszünfte s. ebd.

[4]    Kovács–Sztrés 1989: 23–5.

[5]    Komitatsarchiv Hajdú-Bihar, Acta fiscalia IV. A. 1018/d. 2. Bündel.

[6]    Vgl. Bárczi 1932: 3.

[7]    Szilágyi 1989: 233. Die Rede ist von “Plenarsitzungen” abhaltenden Diebeskongressen, die seit den achtziger Jahren im Zweijahresabstand veranstaltet werden, was übrigens auch Kovács und Sztrés bestätigen: 1994: 24.

[8]    Szilágyi 1989: 227.

[9]    Über sie schreibt Sztripszky: “Sie nehmen in ihre geschlossene zunftmässige Gesellschaft Fremde nur auf, wenn sie ausgewählte Proben und Torturen bestehen. Damit die Fremden ihre Worte nicht verstehen, schufen sie eine eigene Sprache, die eigentlich hauptsächlich nur die Verdrehung einiger Wörter der alltäglichen kleinrussischen Sprache ist, aber die Bettlersprache hat eine verhältnismässig reiche eigene Lexikologie.” (1908: 347, weiteres ebendort S. 347–8).

[10]  Oláh 1536/1735: 37; neuere Ausgabe: Oláh 1536/1938: 34.

[11]  Fábián 1835: 155–60, Márki 1890: 444.

[12]  Man kennt übrigens Aufzeichnungen, nach denen selbst auch Zigeuner ihre Sprache benutzten, um sich abzuschließen: “Es ist doch zu bemerken, dass die Zigeunerrasse auf ihre Sprache sehr viel hält, wenn das eine oder das andere ihrer Wörter dem Volk schon sehr bekannt geworden war, ersetzen sie es durch ein neues, damit niemand sie versteht, zum Beispiel sagen sie für die Juden nicht mehr Biboldo, sondern Csorvalo…” (Gyõrffy 1885: 5–6). — János Szmodis, Pfarrer von Gelse, “begeisterte sich in solchem Maße für die Zigeuner und er konnte ihre Sprache so gut sprechen, dass er ins Komitat Baranya nach Siklós ging, um dort eine Zigeunerpredigt zu halten. Die Zigeuner haben sie sich angehört, sie haben sie auch verstanden, aber sie begannen zu murren, was wird mit ihnen, wenn auch die Herren ihre Sprache erlernen. Zuletzt musste Szmodis fliehen.” (Ponori Thewrewk 1887: 705; die gleiche Information kommt auch beim Erzherzog Joseph vor: 1888: 307).

[13]  Sztripszky 1908: 346–7.

[14]  Komitatsarchiv Nógrád: Nógrádm. Lt. Fiscalia fasc. XLV/36, veröffentlicht von Török 1957.

[15]  Signatur: Varia For. 20. Fasc. 1/16 (V407), veröffentlicht von Schramm 1962.

[16]  Filialarchiv des Komitatsarchiv Hajdú-Bihar in Hajdúböszörmény: IV. A. 505/e. 7. Bündel. 1776. Fasc. J. No. 14/17. 17a–18b pp. Veröffentlicht von Nagy 1970: 34.

[17]  Ungarisches Staatsarchiv: C 43 – Helytartótanácsi Levéltár [Statthalterratsarchiv] – Acta secundum referentes – Sauska – 1782 – Fasc. 62.

[18]  Implom 1957: 271.

[19]  Die zahlreichen neueren Ausgaben des ursprünglichen Druckes und die bis jetzt aufgefundenen handschriftlichen Kopien und ihre Publikationen siehe: Kis 1996: 12–7.

[20]  Das Handschriftenarchiv der Ungarischen Wissenschaftlihen Akademie: M. Nyelvt. 4-r. 33. sz.

[21]  Veröffentlicht von Heinlein 1908.

[22]  Bárczi 1932: 9.

[23]  Bárczi 1932: 11.

[24]  Nagy 1882: 3.

[25]  Jenõ–Vetõ 1900: 16.

[26]  Szirmay 1927: 23.

[27]  Dass in einem Teil der europäischen Gaunersprachen eine signifikante Menge von Wörtern hebräischer und jiddischer Herkunft zu finden ist, deutet unbestreitbar auf einen bedeutenden Anteil jüdischer Krimineller hin. Obwohl im Mittelalter vielleicht “aus diesem unterdrückten und verfolgten Volk die meisten Diebe hervortaten” (Tábori–Székely 1908: 101), obwohl auch das eine Rolle spielen konnte, liegt die Ursache jedoch — wie Tábori und Székely ausführen, hauptsächlich darin, dass die hebräische Sprache “unter den toten Sprachen am wenigsten bekannt ist” (ebd.), infolgedessen ist sie am besten geeignet, als “Geheimsprache” zu dienen. Eine ähnliche Eignung als Geheimsprache weist auch die Zigeunersprache auf (siehe Seite 5, Fußnote 12).

[28]  Das Leben und Treiben der Gauner. Nach dem Ungarischen (“A tolvajélet ismertetése”) des kön. ung. Polizei Inspectors, Koloman Berkes, deutsch bearbeitet von Victor Erdélyi kön. ung. Polizeibeamte. Bp., 1889.

[29]  Berkes 1888: 99.

[30]  Berkes 1888: 21.

[31]  Berkes 1888: 155.

[32]  Zum Beispiel bauzi > bázi > bazi ’groß’, chóchem > hóhem ’schlau’; Englisch ’Schaufenster’ ® angol [eigentlich: Englisch] ’Schaufenster’, kotig ’schuldig’ ® sáros [eigentlich: kotig] ’schuldig’; über diesen Assimilationsprozess siehe Bárczi 1932: 20–33.

[33]  Jenõ–Vetõ 1900: 29.

[34]  Balassa 1924: 11.